Glycine D.H.: Geschichte einer Dienstarmbanduhr der 1940er-Jahre
· Mamontrevintage
Armbanduhren mit den Buchstaben D und H auf dem Gehäuseboden gehören zu einer dokumentierten Gruppe von Dienstuhren der deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Die hier abgebildete Glycine stammt laut Produktbeschreibung aus den 1940er-Jahren. Sie besitzt ein verchromtes Gehäuse von 34 mm und das Handaufzugskaliber AS 1130. Allgemeine Erkenntnisse über die Kennzeichnung sind von der individuellen Geschichte dieser Uhr zu unterscheiden.

Glycine vor der Airman
1914 gründete Eugène Meylan Glycine in Biel/Bienne. Das Unternehmen spezialisierte sich zunächst auf kleine Uhrwerke. Anfang der 1930er-Jahre war die Marke an der Entwicklung des automatischen Aufzugssystems EMSA beteiligt, das 1931 patentiert wurde. Die Airman mit 24-Stunden-Anzeige erschien erst 1953. Die hier untersuchte Glycine D.H. stammt aus einer früheren Phase und verwendet das Handaufzugswerk AS 1130, kein EMSA-Automatikwerk.
Historischer Rahmen: Wehrmacht und Heer
Das nationalsozialistische Deutschland reorganisierte 1935 seine Streitkräfte als Wehrmacht. Zu ihr gehörten Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Armband- und Taschenuhren dienten bei bestimmten militärischen Aufgaben der Zeitbestimmung, etwa im Nachrichtenwesen, bei der Koordination und in der Artillerie.
Was bedeutet die Kennzeichnung D.H.?
Die Kennzeichnung besteht bei vielen Exemplaren aus einem D, einer Nummer und einem H: etwa D 2381 H. Sie wird einer Gruppe von Dienstuhren zugeordnet, die vor allem mit dem Heer verbunden war. Die eingeschlagene Verwaltungsnummer darf nicht grundsätzlich mit der Werknummer gleichgesetzt werden.
In der Fachliteratur finden sich zwei Auflösungen: Dienstuhr Heer und Deutsches Heer. Konrad Knirim verwendet den ersten Ausdruck in seinem deutschen Beitrag und den zweiten in einer englischen Darstellung. Auch die Helvetia-Forschung beschreibt diese Uneinheitlichkeit. Eine zeitgenössische Vorschrift, welche die ursprüngliche Bedeutung der beiden Buchstaben abschließend belegt, ist in den herangezogenen Quellen nicht nachgewiesen.
Das Nummernsystem ist ebenfalls nicht vollständig entschlüsselt. Vergleiche überlieferter Helvetia-Uhren deuten auf eine Vergabe im Zusammenhang mit der militärischen Materialverwaltung hin. Einzelne Überschneidungen in den bekannten Nummernfolgen sind nicht abschließend erklärt.

D, D.H., D.U. und K.M. sind unterschiedliche Kennzeichnungen
Weitere Kennzeichnungen der Zeit sind D, D.U. und K.M.. Die alleinstehende Kennung D wird häufig mit Dienstuhren für Angehörige der Luftwaffe in Verbindung gebracht; D.U. mit Verwaltungs- oder anderen Diensten; K.M. mit der Kriegsmarine. Die Zuordnung war in der Praxis nicht in allen Fällen eindeutig. Quellen nennen auch Träger von D.H.-Uhren außerhalb des Heeres. Beobachtungsuhren der Fliegernavigation, Fliegerchronographen und Spezialinstrumente der Marine waren andere Ausrüstungsgruppen.

Ausgabe, Leihgabe und Kauf im Soldbuch
Nach den Untersuchungen von Konrad Knirim wurden Dienstuhren teilweise als Ausrüstung ausgegeben, teilweise konnten sie von Soldaten gekauft werden. Einträge im Soldbuch konnten die Uhr, ihre Gehäusenummer sowie den Status als Leihgabe oder bezahlt dokumentieren. Funker, Nachrichtenpersonal, Artilleriebeobachter sowie bestimmte Unteroffiziere und Offiziere benötigten für ihre Aufgaben verlässliche Zeitangaben. Eine allgemeine Ausstattung jedes Infanteristen mit einer D.H.-Uhr ist daraus nicht abzuleiten.
Neben Armbanduhren mit Handaufzug wurden auch Diensttaschenuhren ausgegeben; entsprechende Exemplare sind etwa von Minerva dokumentiert. Artillerie-Stoppuhren und Taschenchronographen sowie Nachrichtenstellen-Uhren von Kienzle erfüllten weitere Aufgaben. Nicht alle diese Geräte trugen D.H.-Markierungen.
Wiederkehrende Merkmale der Dienstarmbanduhren
Bei erhaltenen Exemplaren finden sich häufig schwarze Zifferblätter, gut ablesbare arabische Zahlen, eine kleine Sekunde bei sechs Uhr, radiumhaltige Leuchtmasse auf Zeigern und Ziffern, Handaufzugswerke sowie Gehäuseböden mit Schraubverschluss. Durchmesser um 33 bis 35 mm sind oft dokumentiert. Es gibt jedoch verschiedene Gehäusematerialien, Zifferblattvarianten, Werktypen und Stoßsicherungen.
Ein vollständiges zeitgenössisches Pflichtenheft, das sich eindeutig auf sämtliche Hersteller und Varianten bezieht, konnte nach Angaben der Helvetia-Forschung bisher nicht nachgewiesen werden.
Welche Hersteller sind belegt?
Konrad Knirim nennt unter anderem ARSA, Alpina, Büren, Grana, Helbros, Helios, Helvetia, Longines, Mimo, Minerva, Moeris, Mulco, Recta, Record, Silvana, Stabila, Titus und Zenith. Weitere dokumentierte Exemplare tragen die Signaturen Orator und Glycine. Es handelt sich um Markennamen auf erhaltenen Uhren beziehungsweise in Fachinventaren; daraus lassen sich nicht für alle genannten Unternehmen identische Lieferverträge oder genaue Stückzahlen ableiten.
Ein Teil der Unternehmen verwendete eigene Kaliber, andere verbaute Schweizer Rohwerke. Das häufig anzutreffende AS 1130 wurde von Adolph Schild in Grenchen hergestellt. Es war keineswegs das einzige Werk in den D.H.-Uhren.
Das AS 1130 und der Name „Wehrmachtswerk“
Das AS 1130 ist ein Schweizer 13-liniges Handaufzugswerk mit kleiner Sekunde (rund 29,3 mm). Technische Unterlagen verzeichnen Ausführungen mit 15 oder 17 Steinen und 18.000 Halbschwingungen pro Stunde. Die Sammlerbezeichnung Wehrmachtswerk verweist auf seine Verwendung in Dienstuhren. Dasselbe Werk wurde auch für zivile Uhren verwendet und war nicht ausschließlich für die Wehrmacht bestimmt.

Einordnung der Lieferjahre
Der Zeitraum 1939 bis 1945 bildet den allgemeinen historischen Rahmen. Untersuchungen zu Helvetia vermuten einen Anstieg der Lieferungen ab etwa 1942 und ein mögliches Ende um 1944. Der Autor weist ausdrücklich auf Lücken in der zeitgenössischen Vertragsüberlieferung hin. Diese Schätzungen dürfen deshalb nicht ohne weitere Belege auf alle Hersteller übertragen werden.
Die angebotene Glycine besitzt laut Produktbeschreibung ein 34-mm-Gehäuse mit Verchromung, das AS 1130 und ein altersverändertes Zifferblatt. Ohne ein zugehöriges Soldbuch oder andere zeitgenössische Unterlagen lassen sich weder ein ehemaliger Träger noch eine Einheit oder ein individueller Einsatzort bestimmen.

