Harwood 1926: die Anfänge der automatischen Armbanduhr ohne Krone
· Mamontrevintage
Bereits vor der Oyster Perpetual und den frei drehenden Rotoren konnte die Bewegung des Handgelenks eine Uhr aufziehen. John Harwoods System vereinte eine schwingende Masse mit begrenztem Weg, das Einstellen über die Lünette und ein Gehäuse ohne seitliche Krone. Eine entscheidende Innovation in der Geschichte der Armbanduhr.
John Harwood: ein britischer Erfinder der 1920er-Jahre
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verdrängte die Armbanduhr allmählich die Taschenuhr. Das tägliche Aufziehen erforderte jedoch weiterhin die Bedienung der Krone, wodurch Feuchtigkeit und Staub leichter in das Werk gelangen konnten. Dieses Problem inspirierte den britischen Uhrmacher John Harwood, geboren 1893, zu einem Aufzugssystem, das Bewegungen des Trägers nutzte.
John Harwood arbeitete bereits 1922an einem ersten Versuchsmodell. Seine Erfindung wurde 1923in Großbritannien zum Patent angemeldet und erhielt 1924 die Patentnummer GB 218487 . Das Schweizer Patent CH 106583 wurde ebenfalls 1924 erteilt. Das Projekt veranschaulicht den schwierigen Weg vom Patent zur Serienfertigung: Kleine und belastbare Komponenten mussten zuverlässig wiederholt herstellbar sein.

Fortis, A. Schild und Blancpain: der Weg in die Produktion
In der Schweiz fand das Projekt Industriepartner. Die Firma Fortis, 1912 von Walter Vogt in Grenchen gegründet, beteiligte sich am Vertrieb. Der Rohwerkhersteller A. Schild brachte Fertigungskapazitäten ein. Fortis datiert den Produktionsbeginn seiner Harwood-Uhren auf den 13. Juli 1926, einen wichtigen Meilenstein in der Automatikuhrgeschichte.
Das Harwood-Patent ist auch mit Blancpainverbunden, einer Schweizer Manufaktur mit Ursprüngen im Jahr 1735. Uhren dieser doppelten Vertriebsgeschichte wurden ab den 1920er-Jahren angeboten. Erfindername, Herstellerbezeichnung und Patentangabe können derselben Produktfamilie angehören, verbunden durch den technischen Aufzug.
Das Science Museum in London besitzt eine Harwood aus dem späten Jahrzehnt mit Silbergehäuse, begrenzt schwingender Masse und Zeiteinstellung über die Lünette. Dieses Museumsstück liefert wertvolle materielle Belege für die Funktionsweise.
Das Werk mit Anschlägen: anders als moderne Automatikrotoren
Das Harwood-System nutzt eine bewegliche Masse mit begrenztem Schwenkbereich. Bei einer Bewegung der Uhr schwingt die Masse und stößt an federnd gelagerte Anschläge. Die Hin-und-her-Bewegung wird auf den Aufzug der Zugfeder übertragen. Dieses sogenannte Bumper- oder Pendelhammer-System unterscheidet sich von einem Rotor mit vollständiger 360-Grad-Drehung.
Das Fehlen der Krone ist das zweite besondere Merkmal. Die drehbare Lünette betätigt die Zeigerstellung und ersetzt damit das übliche seitliche Bedienelement. Eine kleine farbige Öffnung auf dem Zifferblatt zeigt bei manchen Ausführungen die Stellung des Einstellmechanismus an. Die Uhr verbindet somit automatische Energiezufuhr mit einer Zeiteinstellung ohne herkömmliche Krone.
Die Anschlagmasse erhält beim Bewegen des Handgelenks Impulse, nimmt die Energie jedoch anders auf als spätere Vollrotoren. Der nachhaltige Erfolg moderner Systeme schmälert nicht die Bedeutung dieser frühen industriellen Lösung.

Eine Harwood von 30 mm um 1926
Eine Harwood mit Blancpain-Patent mit einem Durchmesser von etwa 30 mmzeigt den Übergang von den eleganten Uhrenkonventionen des frühen Jahrhunderts zu ersten Automatiklösungen. Das Gehäuse besitzt typische Proportionen der 1920er-Jahre; die fehlende Krone sorgt für ein auffallend klares Erscheinungsbild.
Die Anzeige erschließt sich erst richtig, wenn die Funktion der Lünette bekannt ist. Die Besonderheit der Harwood ist keine äußerlich sichtbare Komplikation mit Totalisatoren, sondern das im Werk verborgene Aufzugssystem, dessen Bedienung über die Gehäusearchitektur erfolgt.
Vermächtnis: eine Erfindung von universeller Bedeutung
Automatische Aufzugsmechanismen gab es bei Taschenuhren lange vor Harwood. Der Beitrag des Briten betrifft die industriell gefertigte automatische Armbanduhr. Spätere Lösungen, besonders der voll drehende Rotor, entwickelten das Prinzip weiter und erhöhten seine Effizienz.
Harwoods wirtschaftliche Entwicklung endete während der Krise der 1930er-Jahre schwierig. Seine technische Bedeutung blieb bestehen: Die kronefreie Uhr mit Einstelllünette gilt als Meilenstein zwischen mechanischer Innovation und Schweizer Serienfertigung.

Quellen und Dokumentation
- British Museum — Harwood: Patent, Fertigung und Aufzug durch Schwungmasse.
- Science Museum Group — Harwood-Selbstaufzugsarmbanduhr, um 1928.
- Fortis — A Century of Automatic Watchmaking (Chronologie 1924–1926).
- Vintage Watch Straps — John Harwoods Patente und Geschichte von Fortis.
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